Niedrigenergiehaus-Beratung

Energiestandards der Gegenwart und Zukunft beim Hausbau

Von Bauweisen, über die Entwicklung immer effizienter Heizungs- und Speichertechnik bis hin zum Niedrigstenergiehausstandard der Zukunft.

Polystyrol – eine Geschichte mit einem Schrecken ohne Ende?

Die Frage nach der richtigen Entsorgung von Dämmplatten aus Polystyrol treibt die Bundesregierung um – kein Wunder, denn die Entscheidung für eine schadstoffrechtliche Einordnung dieses häufig kritisierten Baumaterials hat gravierende Folgen: Als gefährlich geltende Materialien müssten sich bei ihrer Entsorgung strenger Kontrollen unterziehen und es würde sehr teuer werden, sich ihrer irgendwann zu entledigen.

Ein derart eingestufter Werkstoff würde auch bei den Verbrauchern Skepsis erzeugen und zu Umsatzrückgängen führen – ein Zustand, den die Hersteller von Polystyrol-Dämmplatten wohl nicht einfach so hinnehmen würden: Experten schätzen, dass bereits 2021 europaweit mit Dämmstoffen ein Umsatz von über 21 Milliarden Euro erreicht werden wird.  Bis heute wurden in Deutschland Hausfassaden mit einer Gesamtfläche von einer Milliarde Quadratmetern mit einer Wärmedämmung ausgestattet, davon entfallen nach Schätzungen von Branchenkennern 80 bis 90 % auf Polystyrol. Das ist etwa so, als würde man ganz Berlin unter einer Decke aus Dämmplatten verschwinden lassen.

Die Entsorgung: Das wurde jetzt beschlossen

Das zentrale Problem bei der Entsorgung von Dämmmaterial aus Polystyrol ist die Methode, mit der es bislang behandelt wurde, um die Brandklassen-Klassifizierung „schwer entflammbar“ zu erhalten: Die Chemikalie Hexabromcyclododecan (HBCD) gilt als derart gesundheitsschädlich, dass sie für nahezu alle Produkte nicht mehr verwendet werden durfte. Doch das Bundeskabinett hat nach dem Inkrafttreten einer Ausnahmeregelung nun die neue Marschroute vorgegeben: Es beschloss am 7. Juni 2017eine Verordnung, die vorsieht, dass alle Abfälle, die persistente organische Schadstoffe (POP) enthalten, in Zukunft getrennt gesammelt, aber gemeinsam mit anderen Abfällen entsorgt werden sollen. Die Entsorgung muss dokumentiert werden. Das heißt auch: POP-haltige Abfälle gelten dann nicht mehr unbedingt als „gefährlich“. Diese generelle Einstufung hätte ihre Entsorgung deutlich verteuert. Als gefährlich sollen sie nur dann gelten, wenn sie die in der EU-POP-Verordnung (Beschluss 2014/955/EU) festgelegten Grenzwerte überschreiten. Die getrennt von anderen Abfällen durchgeführte Sammlung soll jedoch unabhängig davon erfolgen, ob sie als gefährlich oder nicht gefährlich klassifiziert wurden.
Der Bundesrat muss der vorgelegten Verordnung noch zustimmen, bevor sie in Kraft treten kann. Dies wird für den Sommer 2017 erwartet.

Da war noch etwas: Was wurde aus den Ermittlungen des Bundeskartellamts?

Im März 2014 startete das Bundeskartellamt mit der Unterstützung der örtlichen Kriminalpolizei bundesweite Durchsuchungen der Geschäftsräume von 20 Unternehmensgruppen sowie zwei Verbänden aus der Dämmstoff-Branche. Anstoß gab eine Reportage des WDR, die dem begründeten Verdacht nachging, dass die Hersteller von Polystyrol-Dämmstoffen seit etlichen Jahren Preisabsprachen betrieben haben. Außerdem sollte der Verdacht der sog. Kundenschutzabsprache überprüft werden. Damit ist gemeint, dass die Firmen verabredet haben, ihre Kunden z. B. nach Verkaufsgebieten untereinander aufzuteilen und sich so nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen. Nach diesem Paukenschlag passierte allerdings augenscheinlich nichts mehr. Wie es mit den Ermittlungen weiterging und welche Erkenntnisse sie brachten, ist nicht nachzuvollziehen. Auch die Suche auf der Homepage des Bundeskartellamts (www.bundeskartellamt.de), die abgeschlossene und laufende Verfahren dokumentiert, hilft hier nicht weiter. Sollten tatsächlich fast fünf Dutzend Mitarbeiter der Behörde tätig gewesen sein, ohne ein greifbares Resultat präsentieren zu können?

Buchstäblich brandaktuell: Großfeuer im Grenfell Tower in London

Am 14. Juni 2017 gingen schreckliche Bilder um die Welt: Der Grenfell Tower, ein 24-stöckiges Hochhaus im Zentrum Londons, war Schauplatz eines verheerenden Großbrands, bei dem 17 Menschen ihr Leben verloren (Stand: 15. Juni 2017). Ein einfacher Wohnungsbrand hatte genügt, um das Gebäude innerhalb weniger Minuten zu einer brennenden Fackel werden zu lassen. Besonders auffällig war der Verlauf des Brandes: Die Flammen züngelten an der Fassade empor und breiteten sich sehr schnell an der Außenwand aus. Dieser spezielle Verlauf des Unglücks legt nahe, dass bei einer Sanierung, die zwischen 2014 und 2016 durchgeführt wurde, brennbare Dämmmaterialien zum Einsatz gekommen sind, die nun für die Entwicklung eines Infernos verantwortlich sind. Nach Angaben des „Guardian“ soll die Aluminium-Fassadenverkleidung des Grenfell Towers einen Kern aus Polyethylen enthalten haben. Diese Fassaden sind billig und werden weltweit gern für die Verkleidung von Hochhäusern verwendet. Polyethylen hat eine etwas höhere Verbrennungswärme als Polystyrol und begünstigt im Fall eines Feuers die Brandentwicklung durch das Abtropfen von brennendem Material – wie es auch Polystyrol tut. Deutsche Feuerwehren sind durch dieses Ereignis in London alarmiert: Die Berliner Feuerwehr fordert den Bundestag als Gesetzgeber auf, Polystyrol nicht mehr als Dämmstoff zuzulassen, sondern künftig auf nicht-brennbare mineralische Materialien zu setzen. Der Präsident des Hauseigentümerverbands Haus & Grund, Kai Warnecke, wurde in seiner Wortwahl ebenfalls sehr deutlich und sagte, dass „Hauseigentümer und Mieter […] nicht die Versuchskaninchen der Baustoffindustrie sein“ dürften. Wie die Politik auf hierauf reagiert, sollte jetzt genau beobachtet werden.

Bauen nach der Energiesparverordnung - Mythen und ...
Das „Project Sunroof“ – je gelber, desto besser

Ähnliche Beiträge

© 2017 niedrigenergiehaus-bauen.de, ein Projekt von Hausbauberater.de