Niedrigenergiehaus-Beratung

Energiestandards der Gegenwart und Zukunft beim Hausbau

Von Bauweisen, über die Entwicklung immer effizienter Heizungs- und Speichertechnik bis hin zum Niedrigstenergiehausstandard der Zukunft.

Polystyrol: hausgemachte Probleme – Problemlösung wird vertagt

Buchstäblich auf Teufel komm raus hat die Bundesregierung durch gesetzliche Vorgaben und staatliche Fördermittel die Deutschen seit Jahren darin bestärkt, ihre neuen Eigenheime auf hohem Niveau zu dämmen und die Bestandsimmobilien auf ein ähnliches energetisches Level zu bringen. Die Vorgaben der EU sollten dabei am besten übererfüllt werden. Doch das war und ist nur möglich, wenn man die Häuser regelrecht einpackt: Nicht nur das Dach muss gedämmt und die Fenster und Außentüren hermetisch luftdicht gemacht werden, auch die Dämmung der Fassade ist ein Muss, wenn die stetig steigenden Vorgaben erfüllt werden sollen. In erster Linie aus Kostengründen griffen Hausbauer und Sanierer insbesondere bei der Außendämmung zu Polystyrol, das auch unter dem Markennamen Styropor© bekannt ist. Dem Mangel, dass dieses Material brandgefährlich ist, halfen die Hersteller mit einer chemischen Zugabe ab: Mithilfe des Flämmschutzmittels Hexabromcyclododecan (HBCD) wurde der Baustoff auf die begehrte Baustoffklasse B1 (schwer entflammbar) gehievt, ohne die er ansonsten kaum marktfähig gewesen wäre.


Dunkle Wolken am Dämm-Himmel

Bereits 2014 wurde auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass HBCD für zeitverzögerte Überraschungen sorgt: Irgendwann ist jedes Wärmedämmverbundsystem am Ende seiner Lebensdauer angekommen. Die Polstyrol-Hersteller gehen  für ihr Material optimistisch von einer Haltbarkeit von 50 Jahren aus, zahlreiche Fachleute mögen so viel Zuversicht nicht vorbehaltlos teilen. Bereits heute haben Handwerker mit der Entfernung unsachgemäß montierter Polystyrol-Dämmungen zu tun, die einer neuen Dämmschicht weichen müssen. Das Problem: HBCD, von dem etwa sieben Gramm in jedem Kilo Polystyrol-Dämmung stecken, gilt in mehrerer Hinsicht als gesundheits- und umweltgefährdend (siehe auch Download-Broschüre Hexabromcyclododecan (HBCD) – Antworten auf häufig gestellte Fragen unter www.umweltbundesamt.de). Deshalb wurde es für praktisch alle Verwendungen verboten. Nur für EPS-Polystyrol, den am weitaus häufigsten verwendeten Polystyrol-Dämmstoff, wurde eine Ausnahme gemacht: Seit dem 22. März 2016 darf er zwar genau wie alle anderen Produkte aus diesem Material nicht mehr hergestellt werden, sein Verkauf und seine Verwendung waren jedoch noch bis zum 21. Februar 2018 vorgesehen.
Jahrelang galten die Dämmplatten als Baumischabfall, ihre Entsorgung musste deswegen weder nachgewiesen noch dokumentiert werden. Große Mengen wurden widerrechtlich auf Deponien abgeladen, nur ein sehr kleiner Teil fand den – teureren – Weg in eine Müllverbrennungsanlage. Das meiste wurde entsorgt wie gewöhnlicher Kunststoff oder gemischte Bauabfälle. Doch durch die übliche Müllverbrennung ergibt sich eine weitere Schwierigkeit: Es stimmt zwar, dass HBCD unproblematisch ist, so lange es in einem Werkstoff gebunden bleibt, allerdings werden bei seiner Verbrennung hochgiftige Dioxine und Furane frei. Diese Erkenntnis sickerte auch bis zur Bundesregierung durch: Wegen seiner Giftigkeit wurde HBCD mit Wirkung zum 1. Oktober 2016 als Sondermüll eingestuft.

Die Folgen der neuen Klassifizierung von Polystyrol

Ein großer Teil der Müllverbrennungsanlagen nimmt seitdem die Polystyrol-Dämmplatten nicht mehr an, zahlreiche andere erheben hohe Gebühren. Die entsprechende Verordnung (EG) Nr. 850/2004 des Europäischen Parlaments schreibt vor, dass Abfälle, die persistente (schwer abbaubare)  organische Stoffe wie HBCD enthalten, „zerstört oder unumkehrbar umgewandelt werden“ müssen. Diese Festlegung ist es, die die Entsorgung der bislang verbauten Polystyrol-Dämmplatten stark verteuert. Die Vorgaben der EG-Verordnung wurden in der deutschen Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) umgesetzt, wonach Polystyrol, das einen Anteil von mehr als 0,1 % HBCD enthält, als gefährlicher Abfall gilt.
Doch diese relativ zügige Umsetzung warf ein neues Problem auf: Da viele Entsorgungsfirmen die Annahme von HBCD-haltigen Dämmstoffen verweigerten, kam es zu einem Entsorgungsengpass. Die Unternehmen verfügen nicht über die nötigen technischen Voraussetzungen, um eine umweltschonende Entsorgung zu gewährleisten. Auf zahlreichen Baustellen konnte das Altmaterial, das im Rahmen von Sanierungen zuvor von den Fassaden geholt worden war, nicht abgefahren werden. Da dieses Problem bundesweit auftrat, befasste sich auch der Bundesrat mit einer Lösung. Dort sprach sich Anfang Dezember 2016 eine große Mehrheit dafür aus, die strengen Vorschriften wieder zu lockern – wenigstens übergangsweise.

Der Vorschlag des Bundesrates soll für Entspannung sorgen

Für die Dauer eines Jahres wird nun Polystyrol-Dämmmaterial ungefährlich – zumindest formal. So lange muss es nicht mehr als gefährlicher Abfall gekennzeichnet und kann wie gewohnt als Baumischabfall in den Müllverbrennungsanlagen entsorgt werden. Die Verordnung wird ohne eine Befragung des Bundestages durch das Bundesumweltministerium mit Zustimmung des Kabinetts entsprechend geändert. Damit haben die Fachgremien sowohl des Bundes als auch der Länder ausreichend Zeit, um neue Vorgaben zu erarbeiten, die eine deutschlandweit einheitliche Entsorgung von HBCD-haltigen Dämmstoffen ermöglichen, die auch den EU-Regularien entspricht.

Um endgültige Regelungen zu schaffen, wird das Bundesumweltministerium Anfang 2017 die Länder einladen, um Fragen zum Immissions-, Chemikalien- und Abfallrecht zu erörtern. Hier erfahren Sie, wie es in dieser Sache weitergegangen ist: Die Entsorgung von Polystyrol: Das wurde jetzt beschlossen.

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

Energielabel für Holz-Heizanlagen
Bauen ohne Wärmebrücken - Wie funktioniert das?

Ähnliche Beiträge

© 2017 niedrigenergiehaus-bauen.de, ein Projekt von Hausbauberater.de