Niedrigenergiehaus-Beratung

Energiestandards der Gegenwart und Zukunft beim Hausbau

Von Bauweisen, über die Entwicklung immer effizienter Heizungs- und Speichertechnik bis hin zum Niedrigstenergiehausstandard der Zukunft.

Wärmedämmverbundsysteme mit Polystyrol?

Die Energieeinsparverordnung (EnEV) schreibt sowohl für Neubauten als auch für sanierte Bestandsgebäude bestimmte Höchstwerte des Energie- und Wärmebedarfs vor. Da es das Ziel der Bundesregierung ist, bis 2050 einen praktisch klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen, werden die Anforderungen immer wieder durch Novellierungen der EnEV verschärft. Die letzte Fassung der Energieeinsparverordnung ist im Januar 2016 in Kraft treten.


Um die gesteckten Ziele zu erreichen, haben Bauherren und Hauseigentümer grundsätzlich mehrere Möglichkeiten: Sie können in erneuerbare Energien investieren, ihre veraltete Heizungsanlage austauschen, Außentüren und/oder Fenster auswechseln oder den Keller, das Dachgeschoss und die Fassade dämmen. Genau um diesen letzten Punkt, die Fassadendämmung, soll es hier gehen. Da sich aus Kostengründen die große Mehrheit der Bauherren und Sanierer für ein Wärmedämmverbundsystem (WDVS) aus Polystyrol entscheidet, wird sich dieser Artikel nur mit diesem Werkstoff beschäftigen.

Polystyrol - heute in aller Munde, morgen an allen Häusern?

Polystyrol, das besser unter dem Markennamen Styropor® bekannt ist, ist hinsichtlich seiner Verkaufszahlen der Spitzenreiter unter den Materialien für Wärmedämmverbundsysteme: Auf diesen Werkstoff entfällt ein Marktanteil von mehr als 80 %.

Und es gibt noch mehr Superlative: In den letzten 40 Jahren wurden in Deutschland 1 Milliarde m² Polystyrol verbaut, in der gegenwärtigen Phase des Dämm-Booms verkauft die Branche davon 40 Millionen m² pro Jahr. Die Hersteller sprechen in ihren Werbebroschüren von Energieeinsparungen zwischen 30 % und 40 %, vor einigen Jahren war beim Dachverband sogar von 70 % die Rede.

Auf den ersten Blick erscheint deren Argumentation für eine Dämmung mit Polystyrol schlüssig: So, wie sich der Mensch im Winter einen warmen Mantel anzieht, um möglichst wenig Körperwärme zu verlieren, wird dem Haus mit der Polystyrol-Dämmung ebenfalls ein schützender Mantel umgelegt, der das Entweichen der kostbaren Heizwärme im Inneren des Hauses verhindern soll. Solche plakativen Argumente leuchten sofort ein und werden häufig vom Verbraucher nicht mehr hinterfragt.

Doch es gibt auch kritische Stimmen, die sich mit dem Sinn und Unsinn von Polystyrol-Fassadendämmungen anhand von Fakten auseinandergesetzt haben. Zu ihnen gehört Prof. Fehrenberg von der Hochschule Hildesheim, der folgende Rechnung aufmacht: Ausgehend von einem hoch angesetzten Verlust der Heizwärme von 25 % durch die ungedämmten Bauteile eines Gebäudes würde eine Fassadendämmung in der üblichen Stärke diesen Verlust halbieren - das wären dann nur 12,5 %, also sehr weit entfernt von den Einsparungen, die die Industrie ihren Kunden verspricht. Er bezeichnet eine Amortisationsdauer von 35 Jahren für möglich, hält aber in vielen Fällen einen Zeitraum von 50 Jahren für realistisch. Prof. Fehrenberg legt hier auch seine eigenen Beobachtungen über eine Dauer von zehn Jahren in die Waagschale: Danach wurde bei nachträglich gedämmten größeren Wohngebäuden eine Energieeinsparung von etwa 7 % erreicht. Unter diesen Voraussetzungen fällt eine Kosten-Nutzen-Rechnung denkbar schlecht aus.

Zu diesem Ergebnis kam auch 2011 die ARD: Das von ihr beauftragte unabhängige Portal „CO2 online“ ermittelte bei 20.000 untersuchten Ein- und Zweifamilienhäusern für eine Fassadendämmung durchschnittliche Kosten von 17.000 EUR. Die dadurch erzielten Einsparungen blieben mit 15 % weit hinter den Erwartungen zurück: Unter diesen Voraussetzungen amortisiert sich eine solche Maßnahme erst nach 30 Jahren. Kein Geldinstitut bietet seinen Kunden eine Anlageform mit einer derart langen Laufzeit an.

Welche Überraschungen hält Polystyrol noch bereit?

1. Schäden durch Tiere

Manche mögen es amüsant finden, Hauseigentümer eher nicht: In etwas höheren Gebäuden, die mit Polystyrol gedämmt wurden, fühlen sich auch Spechte, Stare oder Spatzen wohl und hacken Nistlöcher in den Putz. Die so entstandenen Schäden können nur von speziellen Fachfirmen repariert werden. Die häufige Verwendung von Polystyrol für Fassadendämmungen hat so einen neuen Berufszweig ins Leben gerufen. Die Reparaturkosten betragen pro Einsatz je nach Aufwand zwischen 150 und 700 €. Die Wohngebäudeversicherung kommt hierfür nicht auf, da Schäden dieser Art für sie zum normalen Lebensrisiko gehören.

2. Brandgefahren

In den letzten Jahren wurden immer wieder die Brandgefahren durch Polystyrol diskutiert. Branchenvertreter halten sich an die deutsche Deklaration und bezeichnen Polystyrol als schwer entflammbar. Doch sowohl teilweise gravierende Brände, bei denen das Feuer die Dämmhaut zum Schmelzen brachte und sich bei enorm hohen Temperaturen ein dichter schwarzer Rauch und abtropfendes Dämmmaterial entwickelte, als auch Tests in Prüflaboren sprechen eine andere Sprache.

Im Rauch befinden sich außerdem giftige Brandgase wie Furane und Dioxine.  Ihre Entstehung ist auf die Beimengung des Flammschutzmittels HBCD zurückzuführen, das sogar das Umweltbundesamt für so schädlich hält, dass es die Verwendung anderer  Dämmstoffe empfiehlt, so lange für diese Chemikalie kein besserer Ersatz gefunden worden ist. Den Vereinten Nationen ist dieses Gift ebenfalls ein Dorn im Auge: Es wurde von ihnen weltweit geächtet, weil es sich in der Natur und im menschlichen Organismus anreichert und mit einer Schädigung der Fortpflanzungsfähigkeit in Verbindung gebracht wird. Auch den Bauministern der Länder sowie dem Bundesbauminister wurden die Probleme so oft vorgetragen, dass sie sich dieses Themas während ihrer Bauministerkonferenz im September 2012 annahmen. Vorab hatte der Dachverband in einer Stellungnahme seine Position dargelegt und erklärt, dass an den bestehenden Vorgaben hinsichtlich des Brandschutzes nichts geändert werden müsse. Am Ende der Konferenz hatten die Bauminister die Vorlage des Verbandes 1 : 1 übernommen, es blieb alles beim Alten.

Bei der Einstufung in eine Brandklasse kommen die deutschen Regelungen den Polystyrol-Herstellern entgegen: Würde der Dämmstoff anhand der entsprechenden EU-Norm klassifiziert werden, gälte er nicht mehr als „schwer entflammbar“, sondern würde nur noch den Status „entflammbar“ erreichen. Den Firmen ist es freigestellt, nach welcher dieser Normen sie Polystyrol prüfen. Es braucht hier nicht viel Fantasie, um sich ihre Entscheidung vorzustellen.

Für Gebäude mit einer Höhe ab 7 Metern ist vorgeschrieben, dass bei einem gedämmten Haus nach jeder zweiten Etage ein Brandriegel eingebaut werden muss. Dabei handelt es sich um einen Streifen aus Dämmstoff, der je nach Gebäudehöhe schwer entflammbar (z. B. EPS-Hartschaum nach DIN EN 13163 B1) oder nicht brennbar (z. B. Mineralwolle nach DIN EN 13162 A1 oder A2) sein muss. Die Praxis hat jedoch gezeigt, dass Polystyrol bei einem Brand eine so große Hitze entwickelt, dass das Feuer diese Brandriegel, die seine Ausbreitung verhindern sollen, einfach überspringt und die gesamte Fassade flächig Feuer fängt. So scheiden Fenster oder Balkontüren als Fluchtwege aus.

Künftig soll es bei diesen Gebäuden je einen zusätzlichen Brandriegel im Sockelbereich und im obersten Geschoss geben. Es bleibt abzuwarten, ob diese Maßnahmen den erhofften Erfolg bringen werden.

3. Algen und Schimmel

Polystyrol-Fassaden haben sich den Ruf erarbeitet, binnen weniger Jahre eine Schicht aus Algen oder Schimmel zu entwickeln. Das schadet nicht nur der Ansehnlichkeit des Gebäudes, sondern bei geöffneten Fenstern auch der Gesundheit. Die Algen gehören einer Art an, die sonst eher auf Waldböden zu finden ist. Doch die Nord- oder Ostfassaden bieten ihnen ebenfalls einen angenehmen Lebensraum: Auf sie fällt kaum oder kein Sonnenlicht, sodass sie kühl und feucht sind. Sind die Algen erstmal da, siedeln sich automatisch auch Schimmelpilze an. Zwar ist nicht zwangsläufig jedes mit Polystyrol gedämmte Haus von diesem Problem betroffen, aber in 90 % der mit Algen befallenen Gebäude wurde dieser Dämmstoff verwendet. Eine solche Entwicklung wird insbesondere durch die Nähe zu Gewässern oder Wäldern, Sträuchern oder Bäumen in der Nähe der Fassade, einen nicht vorhandenen Spritzschutz am Sockel der Außenwände sowie einen fehlenden Dachüberstand befördert. Als Faustregel gilt: Je stärker die Dämmung, desto größer ist das Algenrisiko. Dieser Effekt wird durch die immer schärfere Energieeinsparverordnung noch verstärkt, deren Werte sich nur durch immer dickere Dämmplatten erreichen lassen. Aber auch eine sehr dünne Putzschicht fördert die Algenbildung, da sich dort viel Kondenswasser ansammeln kann.

Das Problem der Veralgung von verputzen Dämmfassaden hat die Industrie im Griff. Sie mischt den Farben und Putzen giftige Biozide bei, die zumindest für ein paar Jahre verhindern, dass gedämmte Fassaden unansehnlich werden. Doch diese Gifte sind wasserlöslich und werden durch Regen- und Tauwasser nach und nach an die Oberfläche gebracht und dann aus dem Material herausgeschwemmt. Untersuchungen zeigen, dass die Behandlung mit Bioziden den Algen- und Schimmelbefall für durchschnittlich fünf Jahre verhindert – dann ist die Gewährleistungsdauer gerade abgelaufen. Die Substanzen gelangen so ins Erdreich und von dort ins Grundwasser und in Kanäle, wo sie sich problemlos nachweisen lassen: Die hierfür verwendete Chemikalie wurde bis 2003 noch in der Landwirtschaft verwendet, dann aber verboten. Nur für die Beimengung in Fassadenputzen und –farben von gedämmten Häusern ist ihr Einsatz noch zulässig. Auf diesen Zusammenhang und das Fehlen von Untersuchungen ist auch das Bundesumweltministerium aufmerksam geworden: Es plant, die Verwendung von Bioziden in Farben und Putzen stärker zu dokumentieren.

Mit der Polystyrol-Fassadendämmung das Klima schonen?

Die Hersteller haben auf diese Frage vor einigen Jahren sinngemäß die Auskunft gegeben, dass dieser Dämmstoff doch im Prinzip nichts anderes sei als ganz viel Luft mit ein bisschen Material drumherum. Wenn man sich auf diese Sichtweise beschränkt, stimmt das sogar: 98 % einer Dämmplatte bestehen aus Luft. Aber der Zyklus vom Herstellungsprozess bis zur Entsorgung darf bei der Beurteilung, ob es sich bei einer Fassadendämmung mir Polystyrol um eine ökologisch sinnvolle Maßnahme handelt, nicht unbeachtet bleiben. Unter den Dämmstoffen nimmt das am häufigsten verbaute expandierte Polystyrol (EPS) hier einen vorderen Platz ein: Für seine Herstellung werden pro Kilogramm Dämmstoff 95-105 Megajoule (MJ) oder 26,4-29,17 kWh sog. „graue Energie“ verbraucht. Damit ist diejenige Energiemenge gemeint, die für die Produktion, den Transport, die Lagerung, den Verkauf sowie die Entsorgung eines Produktes aufgewendet werden muss. Andere Dämmmaterialien erreichen hier deutlich bessere Werte: Für Steinwolle genügen 17 MJ/kg (= 4,7 kWh), für Naturmaterialien fallen sogar teilweise höchstens 15 kWh/kg (z. B. Hanf, Holzfaserdämmplatten, Kork) an.

Auch dass für die Produktion von Polystyrol Erdöl benötigt wird, wirkt sich ungünstig auf die Ökobilanz aus. Immerhin 5 kg Erdöl sind nötig, um 1 kg Polystyrol herzustellen. Auch mit dem Recycling ist es meistens nicht weit her: Da sich die an den Dämmplatten haftenden Materialien sowie die eingesetzten Chemikalien nicht ohne Weiteres voneinander trennen lassen, landen heute so gut wie alle Polystyrol-Dämmplatten in der Verbrennungsanlage – wo das CO2 frei wird, das man mit einer Wärmedämmung einsparen wollte. Das Bundesumweltministerium hat die Problematik erkannt und eine Novellierung der Abfallverzeichnisverordnung angekündigt: Ab Frühjahr 2016 sollen Polystyrol-Abfälle als Sondermüll gelten und in einem entsprechend teureren Verfahren entsorgt werden, das lückenlos dokumentiert werden muss. Die Mehrkosten hierfür trägt der Verbraucher, Entsorgungsunternehmen können sich auf lukrative Zeiten freuen.

Auch Fassaden brauchen Pflege

Das Institut für Baustoffe (IFB) in Hannover hat sich die Mühe gemacht, die jährlichen Wartungs- und Instandsetzungskosten von verschiedenen Fassadentypen zu ermitteln. Während es für eine Außenwand mit einem Standardputz und Anstrich jährliche Durchschnittskosten von 7,08 € pro m2 errechnete, betrugen diese bei einer Außenwand, die mit einem Wärmedämmverbundsystem ausgestattet ist, 16,43 € pro qm2. Darüber hinaus empfiehlt das Bundesbauministerium in einem Merkblatt, die Oberfläche von gedämmten Fassaden regelmäßig auf Beschädigungen zu überprüfen: Risse oder gar Löcher schädigen durch den Feuchteeintritt die Fassade; bei mit Polystyrol gedämmten Außenwänden kommt außerdem noch eine erhöhte Brandgefahr hinzu.
Die Energieeinsparverordnung macht zwar Vorgaben, eine Kontrolle, inwieweit diese erfüllt werden, findet jedoch nicht statt. Gleiches gilt de facto für die Angaben, die die Hersteller über ihre Polystyrol-Dämmplatten machen.

Gibt es Alternativen?

Ja, die gibt es und auf www.massivhaus-neubau.de/daemmung.html finden Sie ausführliche Informationen dazu.

Hier haben wird die Alternativen in aller Kürze zusammengefasst:
Die einfachste Methode ist die Rückkehr zum monolithischen Bauen, also Mauern aus einem Stück, die aus Stein und Mörtel gefertigt werden. Mit modernen Dämmsteinen aus Porenbeton können Häuser einschalig und ohne weitere Wärmedämmung gebaut werden. Da sie im Gegensatz zu Polystyrol-Dämmungen nicht hohl klingen, sind sie unattraktiv für Spechte und andere Vögel. Ein weiterer Vorteil ist ihre sehr geringe Anfälligkeit für Algen und Schimmel. Deshalb ist die Beimischung von Bioziden in den Putz und die Farben nicht nötig.
Wenn es darum geht, dass ein Haus sein „Gesicht“ behalten soll, werden oft Wärmedämmputze verwendet. Sie kommen vor allem bei denkmalgeschützten Gebäuden zum Einsatz, um deren Wärmedämmfähigkeit zu verbessern.
Fassaden können auch mit Naturmaterialien wie z. B. Hanf oder Jute gedämmt werden. Sie sind teurer als eine Polystyrol-Dämmung und sollten nur von ausgewiesenen Fachfirmen eingebaut werden.

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