Niedrigenergiehaus-Beratung

Energiestandards der Gegenwart und Zukunft beim Hausbau

Von Bauweisen, über die Entwicklung immer effizienter Heizungs- und Speichertechnik bis hin zum Niedrigstenergiehausstandard der Zukunft.

Wärmedämmung mit Polystyrol – wem nützt sie am meisten?

In unserem Beitrag „Wärmedämmverbundsysteme mit Polystyrol?“ hatten wir bereits angekündigt, dass wir uns den Gründen, die zu dem großen Erfolg von Polystyrol als Dämmstoff geführt haben, zuwenden werden. Wir hatten berichtet, dass weder eine nennenswerte Kosteneinsparung noch ein positiver ökologischer Effekt zu diesen hohen Verkaufszahlen geführt haben können.

Prognos zweifelt Wirtschaftlichkeit von Wärmedämmung an

Das renommierte Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos AG nahm der Branche 2013 mit den Ergebnissen einer im Auftrag der KfW-Bank erstellten Studie einigen Wind aus den Segeln: Es ermittelte, dass einem Gesamtaufwand für Wärmedämmung von 838 Milliarden Euro bis zum Jahr 2050 gerade mal Einsparungen bei den Energiekosten in Höhe von 370 Milliarden Euro gegenüberstehen – ein sattes Minus von 468 Milliarden Euro! Dies waren Erkenntnisse über ein volkswirtschaftliches Desaster, die mindestens zu einem Moratorium hätten führen müssen. Stattdessen zog es die KfW-Bank vor, das Datenmaterial neu zu deuten, was in der Prognos-Studie explizit nicht getan wurde.  Vermutlich, um die gewonnenen ungünstigen Erkenntnisse abzuschwächen, stellte sie fest, dass
zwar bis 2050 für die energieeffiziente Gebäudesanierung Gesamtkosten in Höhe von 507 Milliarden Euro anfielen, darunter seien aber auch  270 Milliarden Euro, die als allgemeine Sanierungskosten „ohnehin“ entstanden wären. Nur konkret für die energieeffizienten Sanierungsmaßnahmen müssten 237 Milliarden Euro veranschlagt werden.
die vorhergesagten Kosten für energieeffiziente Neubauten von 331 Milliarden Euro „nicht ins Gewicht fallen“, da diese ohnehin die Vorgaben für die Energiestandards einhalten müssen.

Das Fazit aus Sicht der KfW-Bank:

Da sich die Einsparungen bei den Heiz- und Wärmekosten auf 361 Milliarden Euro summieren, bleibt für energieeffiziente Sanierer letztendlich ein Plus von 124 Milliarden Euro. Diese Sichtweise erklärt sich aus dem sog. Kopplungsprinzip: Energiesparmaßnahmen am Haus sind dann wirtschaftlich, wenn „ohnehin“ (siehe Nr. 1) Fassadenarbeiten wie z. B. eine Putzerneuerung nötig sind. In solchen Fällen werden die Gesamtkosten in die einzelnen Positionen wie beispielsweise bei einer Dämmung des Daches für die Dachziegel, das Gerüst und den Dämmstoff aufgeteilt. Mit dieser Methodik wird nur ein Drittel der Kosten der eigentlichen Dämmmaßnahme zugeschlagen, sodass sich nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) diese Kosten nach etwa 20 Jahren amortisieren. Der Haken an der Sache: Es genügen jetzt aufgrund der rechtlichen Vorgaben auch kleinere Anlässe wie ein Fassadenanstrich, um eine gesetzliche Dämmverpflichtung auszulösen. Dabei steht es Hauseigentümern nicht frei, welche Stärke beispielsweise eine Fassadendämmung haben soll, sodass sie hier nicht nach wirtschaftlich sinnvollen Kriterien entscheiden können.

Halten die Angaben zum Dämmwert, was sie versprechen?

Wie alle anderen Hersteller von Produktionsgütern sind die Dämmstoffhersteller ebenfalls verpflichtet, an ihren Dämmplatten Produkthinweise anzubringen. Diese geben beispielsweise Auskunft über die Wärmeleitfähigkeit der Dämmplatten. Die Fragen, denen Journalisten der ARD nachgegangen sind, sind jedoch: Stimmen diese Angaben der Hersteller? Und: Wer überprüft sie?
Teures, hochwertiges Polystyrol hat einen Wärmeleitwert von 0,032 W/mK. Nach Recherchen der ARD wird dieser Wert jedoch nur bei einem Bruchteil des Materials auch tatsächlich erreicht. Der Grund dafür ist sehr einfach: Die Hersteller sind verpflichtet, den Verschnitt, der während der Dämmarbeiten auf einer Baustelle anfällt, kostenfrei zurückzunehmen. Da es jedoch hierfür kein Entsorgungskonzept gibt, zerkleinern die Polystyrol-Hersteller den Rücklauf und mischen ihn im Produktionsprozess dem neuen Material für die Dämmplatten wieder bei. Sehr gute Dämmwerte, wie sie auf den Packzetteln angegeben sind, können so allerdings nicht erreicht werden. Diese Auskünfte gaben getrennt voneinander zwei ehemalige Mitarbeiter von verschiedenen Dämmstoffherstellern.
Die Journalisten gingen diesen Hinweisen nach und beauftragten zwei unabhängige Prüflabore mit der Untersuchung von Polystyrol-Dämmplatten aller großen Hersteller. Das Ergebnis fiel wenig schmeichelhaft aus: Eines der Labors kam zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der Dämmstoffproben die zugesagten Wärmeleitwerte nicht erfüllte, also schlechter dämmte, als es auf den Packzetteln angegeben wurde. Fasst man die Ergebnisse aus beiden Labors zusammen, ergibt sich immer noch eine Fehlerquote, die kein Verbraucher und eigentlich auch kein für Verbraucherschutz zuständiges Ministerium gutheißen kann: 40 % der geprüften Polystyrol-Dämmplatten dämmten schlechter als zugesichert.
Die Konsequenzen, wenn festgestellt wird, dass Dämmplatten schlechter als zugesichert sind, sind normalerweise der Rückruf der bereits gelieferten und die Vernichtung der hergestellten Ware. Dies tatsächlich zu tun oder tun zu müssen, wäre für die Firmen wirtschaftlich katastrophal. Offiziell hat es dazu auch noch nie einen Grund gegeben, da die von einem Prüflabor etwa alle sechs Monate begutachteten Proben von dort nie beanstandet worden sind.

Wie wird die Materialprüfung durchgeführt?

Der WDR bezieht sich in seiner Darstellung auch hier auf Auskünfte von den beiden o. g. ehemaligen Mitarbeitern verschiedener Dämmstofffirmen. Danach wird in einem herstellereigenen Sperrlager Dämmstoff eigens für die Prüfung durch einen Mitarbeiter des Forschungsinstituts für den Wärmeschutz (FIW) e. V. München bereitgestellt. Beim FIW handelt es sich also nicht um ein staatliches Organ, sondern um einen eingetragenen Verein, wie es auch der Fußballclub in der Nachbarschaft ist.
Der Prüfer markiert mit einem speziellen Stempel diejenigen Dämmstoff-Pakete, die ihm ins Prüflabor nach München gebracht werden sollen. Nach seiner Abreise werden die gekennzeichneten Pakete von Werksmitarbeitern darauf geprüft, ob sie die auf dem Packzettel zugesicherten Eigenschaften auch tatsächlich einhalten. Tun sie es nicht, werden sie gegen geeignete Dämmstoffe, die nachträglich mit einer Stempel-Doublette gekennzeichnet werden, ausgetauscht und nach München zum FIW geschickt. Man kann sich an dieser Stelle durchaus fragen, warum die Prüfer die Dämmstoffe nicht wie vorgeschrieben aus dem laufenden Produktionsprozess entnehmen und weshalb sie diese nicht gleich nach ihrem Besuch beim Hersteller in ihre eigenen Labors transportieren.

Hier können hinsichtlich dieser verbesserungsbedürftigen Vorgehensweise nur Mutmaßungen angestellt werden. So fällt es auf, dass ein großer Teil der FIW-Mitglieder aus Herstellern von Dämmstoffen besteht. Auch im FIW-Vorstand ist die Branche vertreten: Der Vorstandsvorsitzende ist ein ehemaliger Geschäftsführer eines Dämmstoffproduzenten, ein Vorstandsmitglied ist der bis zum 30. Juni 2015 amtierende Geschäftsführer des Fachverbandes Wärmedämm-Verbundsysteme e. V.

Das Fazit bei der Beurteilung solch einer Prüfpraxis kann da nur lauten: Die Dämmstoffbranche kontrolliert sich selbst.

Wer profitiert am meisten von den Sanierungsvorgaben für die Wärmedämmung?

Die Antwort ist keine große Überraschung: die Hersteller.

Der Bund gibt jedes Jahr rd. 500 Millionen Euro für die energetische Sanierung von Gebäuden aus. Doch auch, wenn die Stimmen, die die Wirtschaftlichkeit gerade von Fassadendämmungen oder insbesondere die Unschädlichkeit von Polystyrol-Dämmplatten anzweifeln, lauter und zahlreicher werden, ist der Dämm-Boom immer noch ungebrochen. Einer der Gründe, warum die Bundesregierung bereit ist, viel Geld hierfür auszugeben, mag darin liegen, dass der damalige Geschäftsführer des Fachverbandes WDVS im Gesetzgebungsverfahren für die Energie-Einsparverordnung (EnEV) angehört worden ist. Er hat bereits im Jahr 2000 in einem von ihm verfassten Buch vorausgesagt, dass mit dem Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen hunderttausende Arbeitsplätze entstehen könnten. Lässt sich die Politik vor diesem Hintergrund davon überzeugen, Polystyrol-Fassadendämmungen zu unterstützen?

Immerhin: Mit den Recherche-Ergebnissen der ARD konfrontiert, kündigte das FIW München an, das Prüfverfahren zu modifizieren. Außerdem hat es wegen der gefälschten Prüfstempel ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das macht zwar Hoffnung für die Zukunft, ändert aber nichts für diejenigen Kunden, die sich jetzt für eine Wärmedämmung mit Polystyrol entscheiden oder das bereits getan haben.

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